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Die leisen Anwälte der Käfighennen
Der Verein PROVIEH in Heikendorf ist der einzige in Deutschland, der sich für die Rechte von Nutztieren einsetzt. Doch nach dem mühsam erkämpften Verbot der Käfighaltung von Legehennen legen sich die Halter die Bestimmungen zu ihren Gunsten aus
Hamburg taz nord, 8./9. Juli 2006
Es sei gar nicht zu verfehlen, „unser kleines Hexenhaus“, sagt Mechthild Oertel: direkt an der Hauptstraße des kleinen Örtchens Heikendorf bei Kiel, ein graues Gebäude, ein Schild an der Wand, von dem Schwein, Kuh und Huhn schauen. Das Haus haben die Schwestern Bartling damals ausgesucht und zur Geschäftsstelle ihres Vereins gemacht, das Logo ist neu, genau wie der Name: „Provieh“ – wer weiß, ob sich Margarete und Olga Bartling auf so ein neckisches Wortspiel eingelassen hätten.
Denn eigentlich heißt die Organisation „Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung“. Seit 1973 gibt es den VgtM, er ist damit der älteste Verein Deutschlands, der sich für die Rechte von Nutztieren einsetzt. Und so gut wie unbekannt.
„Wir sind kein lauter Verband“, gibt Sandra Gulla zu. Die Vorsitzende, Juristin und wie alle im Vorstand ehrenamtlich für „Provieh“ tätig, lebt und arbeitet im Sauerland. Zum Verein kam sie auf dem Umweg über Haustiere. „Aber sie hat festgestellt, dass sie da nichts bewegen kann. Anders im Nutztierschutz: Da lässt sich politisch viel machen“, berichtet Mechthild Oertel über ihre Vorstandskollegin. Viel Arbeit, wenig Ehre: „Es ist spektakulärer und leichter, einen Hund von der Laterne loszubinden und ihn aufzufüttern“, meint Oertel. „Bei den Nutztieren geht es um Formalien, gesetzliche Vorschriften, Tierseuchen. Das lässt sich nicht schön darstellen.“
Aber es ist notwendig: Das fanden schon die Schwestern Bartling, die „eisernen Ladys“. Margarete, Oberlandwirtschaftsrätin im Agrarministerium, sah die Massentierhaltung mit allen ihren Folgen entstehen. Als sie in den Ruhestand ging, gründete sie gemeinsam mit Olga, Konrektorin der Heikendorfer Realschule, den Verein. Ab da luden die Schwestern zu Familienfesten ein, bei denen die Gäste Briefe schreiben und Marken kleben mussten: Post für die Mitglieder, deren Zahl schnell wuchs, für die Fachleute, die den Verein mit Gutachten unterstützten, für die Politiker und Verwaltungsstäbe, die den VgtM bald schätzen und fürchten lernten: „Wir haben immer wieder auf Probleme aufmerksam gemacht“, sagt Sandra Gulla. „Wir haben nie große Kampagnen geführt, sondern auf fachlich fundierte Aufklärung gesetzt.“
Das wird auch so bleiben, aber ein neuer Aspekt kommt hinzu: „Wir haben nicht mehr das Gefühl, dass wir bei der Regierung auf offene Ohre stoßen“, sagt Sandra Gulla. „Wirtschaftlichkeit gilt als einziges Argument. Und da kommen wir nur mit Stellungnahmen nicht weiter.“
Der Verein sucht die Öffentlichkeit – ein großer erster Schritt war eine Petition gegen die Käfighaltung von Legehennen, die gerade mit großem Erfolg beendet worden ist (siehe Info unten). Der Kampf um artgerechte Hühnerhaltung gehört zu den Dauerthemen der „Proviehs“: Vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das am 6. Juli 1999 die Käfighaltung der Legehennen verbot, hatten Vereinsmitglieder nicht nur Gutachten eingereicht, sondern dem Gericht auch praktisch gezeigt, was die Massentierhaltung bedeutet, unter anderem mit einem Standardkäfig, in dem vier ausgestopfte Hühner hockten. Das Gericht war beeindruckt. Der Verein hatte allerdings nicht selbst klagen dürfen: Im Tierschutz gibt es kein so genanntes Verbandsklagerecht. Da die Betroffenen – die Tiere – nicht selbst zum Richter gehen, bleibt höchstens die Hoffnung, dass in Grundsatzfragen ein Bundesland das Verfassungsgericht anruft: „Sonst gilt: Wo kein Kläger, da kein Richter“, sagt Gulla.
Zurzeit werden die mühsam erkämpften Positionen zurückgenommen. Zwar ist von Volieren, von Kleingruppenhaltung die Rede, für Sandra Gulla ist das aber „absolute Augenwischerei und Täuschung des Verbrauchers“. Die Begriffe dienten nur dazu, das böse Wort „Käfig“ zu vermeiden. Zwar sei die Grundfläche leicht vergrößert, die Situation der Hennen bleibe aber gleich. „Es heißt, sie sollten Flächen zum Picken erhalten. Aber auf 30 Millionen Hennen kommen 500 Betreuer – man kann sich vorstellen, wie so ein Stück Plastikrasen im Käfig bald aussieht. Die Tiere müssten sich aufrichten, mit den Flügeln schlagen können. Das alles ist nicht möglich.“ Und sie verspricht: „Wir geben nicht auf.“
Mechthild Oertel sieht auch Erfolge: „Wir bilden Allianzen.“ So waren bei der Petition gegen die Käfighaltung zahlreiche Vereine, aber auch Öko-Ladenketten und Züchter dabei. Durch neue Kampagnen entstehe mehr Öffentlichkeit, auch die Verbraucher würden immer wacher: „Junge Familien, die unbelastete Nahrung wollen.“
Dass Tiere gehalten und gegessen werden, dagegen haben die Proviehs grundsätzlich nichts: Oertel züchtet selbst Galloway-Rinder.
Esther Geißlinger
INFO: Petition
„Provieh bittet den Bundestag, die Bundesregierung aufzufordern, das im Oktober 2001 beschlossene Verbot der Käfighaltung von Legehennen beizubehalten und insbesondere keine neuen Legehennenkäfige zuzulassen“: Über 24.000 Menschen unterzeichneten diese Petition von Provieh und anderen Organisationen in den vergangenen Wochen. Darunter waren auch ausländische Unterstützer. Der Aufruf ist damit einer der erfolgreichsten in der Geschichte der Petitionen, außerdem einer der wenigen, in der es um rein altruistische Motive geht.
Die Petition wird nun vom zuständigen Ausschuss bearbeitet und ist damit im parlamentarischen Prüfverfahren. Der Petitionsausschuss kann dem Anliegen entsprechen oder die Petition verwerfen – beides ist in diesem Fall unwahrscheinlich. Also wird der Ausschuss das Anliegen wahrscheinlich weitergeben. So kann er zum Beispiel vorschlagen, dass die Regierung die Petition der zur Kenntnis nimmt oder gar erfüllt. „Es ist ein beschwerlicher Weg“, sagt die Provieh-Vorsitzende Sandra Gulla. „Aber Minister Seehofer soll wissen, dass wir keine Ruhe geben.“ Sie hofft, dass die Parlamentarier sich über das Thema informieren, und dass die große Zahl von Unterzeichnern Eindruck macht.
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