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„Schweinegrippe“ – ein Problem aus der industriellen Intensivhaltung von Schweinen

Erst die Vogelgrippe, jetzt die „Schweinegrippe“: Erneut löst die industrielle Intensiv-Tierhaltung Angst vor einer weltweiten menschlichen Grippe-Pandemie aus. Werden Schweine oder andere Tiere unter wenig artgerechten Bedingungen in hoher Dichte und großer Zahl gehalten, bietet das ideale Voraussetzungen für die Evolution neuer Viren. So können sich niedrigpathogene zu hochpathogenen Viren entwickeln. Mit Abwasser, Gülle und Abluft gelangen sie regional ins Freie. Mit den Tieren und deren Produkten können sie auf den Transportwegen der Nutztier-Industrie international verbreiten werden.

Ob sich auch die neue Variante des Grippe-Virus A/H1N1 auf diese Weise entwickelt hat, also ihren Ursprung tatsächlich in der Schweineindustrie nahm oder nicht, gilt noch als ungeklärt. Angesichts der Bedingungen im Ursprungsgebiet des Erregers wird eine zweifelsfreie Klärung dieser Frage die Experten noch länger beschäftigen. Der bisherige Umgang mit dem Grippeausbruch in Mexico spricht dafür, dass an einer zügigen Aufklärung nur wenig Interesse besteht. Die Angst vor langfristigen wirtschaftlichen Verlusten seitens der Betreiber und ihrer Kapitalgeber geht offenbar vor.

Der Ursprung für die gegenwärtige Angst vor der neuen Grippe liegt im Valle de Perote der mexikanischen Provinz Veracruz. In diesem Tal liegt die gigantische Schweinemast-Anlage Granjas Carroll de México, in der im Jahre 2008 nach Firmenangabe 950.000 Schweine gemästet und 56.000 Sauen für die Aufzucht von Ferkeln gehalten wurden. Die Anlage ist ein mexikanisches Unternehmen, an dem der weltgrößte Schweinezucht- und Schweinefleischkonzern Smithfield Foods (“Good food, Responsibility“ – „Gute Nahrung, Verantwortung“) maßgeblich beteiligt ist. Nach Selbstdarstellung der mexikanischen Firmenleitung diene die Anlage als Beitrag zur sauberen, ökologisch vorbildlichen Landwirtschaft, die viele Menschen mit Schweinefleisch versorgt und Harn und Kot der Schweine und sogar Kadaver verendeter Schweine nutzbringend und umweltfreundlich behandelt.

Die 3.000 Einwohner des nahegelegenen Ortes La Gloria sehen dies anders. Sie klagen schon seit einiger Zeit über Wolken von Fliegen, deren Larven sich massenhaft in den großen Klärteichen und in Schweinekadavern von Granjas Carroll entwickeln. Verendete Schweine werden dort tagelang unter freiem Himmel abgelegt und irgendwann vergraben, weil die versprochenen Biogasanlagen für ihren Abbau nicht gebaut wurden. Permanenter Gestank der Kadaver und der Kläranlagen verpesten die Umwelt. Das Grundwasser in Granjas Carroll ist verseucht, was auf den mangelhaften Bau der Klärteiche und das Vergraben von Kadavern zurückgeführt wird. Der Gestank und die Fliegen gelangen bis nach La Gloria und belästigen die Bewohner heftig. Daher forderten sie die Regierung von Santacruz auf, wegen der erheblichen Umweltverschmutzung Sanktionen gegen Granjas Carroll zu verhängen. Ihre Beschwerden wurden aber nicht ernstgenommen. Als sich eine Bürgerinitiative gegen die Zustände in Granjas Carroll entwickelte, wurden deren Sprecher strafrechtlich verfolgt. Die Betreiber der Anlage schikanierten die aufbegehrenden Bürger derart, dass es von den Betroffenen als bedrohlich empfunden wurde, so berichtete die mexikanische Prensa Indígena (Presse der Eingeborenen) am 13. April 2009.

Es kam noch schlimmer. Bereits im Dezember 2008 erkrankten viele Bewohner von La Gloria an Lungenentzündung und grippeähnlichen Symptomen. Das wurde zunächst mit Stillschweigen bedacht und die Behörden versäumten es, zu handeln. Im April litten schon 60% der Bewohner von La Gloria – rund 1800 Menschen – an der fremdartigen Krankheit. Als zwei Kinder an ihr starben, wandten sich die Bewohner an die Medien und informierten sie über das Krankheitsgeschehen in La Gloria. Der Gesundheitssekretär der Provinz schloss als Ursache eine Verschmutzung aus Granjas Carroll aus. Er schickte aber immerhin Ärzte und anderes Personal nach La Gloria, um dort ein Lazarett einzurichten, die Bevölkerung zu impfen und medizinisch zu behandeln. Auch die vielen Fliegen wurden bekämpft, weil sie massenhaft in die Häuser eindrangen. Man hoffte, so der Krankheit und des Problems, das durch die Krankheit entstand, Herr zu werden.

Das misslang. Mittlerweile spielt es kaum noch eine Rolle, ob das Virus A/H1N1 in Granjas Carroll humanpathogen geworden ist und ob es die Krankheitswelle in La Gloria verursacht hat. Vielmehr haben die Missstände in Granjas Carroll eine Welle der Angst angestoßen, die sich mittlerweile selbst verstärkt und bereits auf alle Kontinente trifft. Zu den Folgen gehört, dass der Ruf der gesamten mexikanischen Schweinehaltung für einige Zeit ruiniert ist, und das nur, weil ein einzelner industrieller Schweinehalter der Rendite wegen verantwortungslos mit Schweinen und deren Fäkalien umgegangen ist. Einmal mehr wird klar, dass wir uns kein billiges Fleisch leisten können, weil die Schäden, die durch die industrielle Intensiv-Tierproduktion entstehen, gigantisch werden können.

Aus wissenschaftlicher Sicht besteht derzeit kein Anlass zur Beunruhigung, sich durch den Verzehr von Schweinefleisch mit dem neuen Grippevirus anzustecken. Im Interesse des Nutztier-, Umwelt- und Klimaschutzes sei es allerdings jedem Freund von Schweinefleisch empfohlen, zu Produkten aus artgerechter Tierhaltung zu greifen.



29.04.2009, Prof. Dr. Sievert Lorenzen, Vorsitzender von PROVIEH







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