25.08.2009: So lautet das Motto unserer jüngsten Kampagne, in der sich insgesamt neun Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen zusammengeschlossen haben. Nachdem sich alle großen Supermarktketten verpflichtet haben, in den nächsten Monaten sämtliche Käfig-Eier aus den Regalen zu nehmen, fordern wir nun die gesamte deutsche Lebensmittelindustrie auf, diesem Beispiel zu folgen.
Die EU hat bereits 1999 eine Richtlinie erlassen, nach der bis 2012 die Batteriekäfige in allem Mitgliedsstaaten abgeschafft sein müssen. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hatte die Käfighaltung schon vor einem Jahrzehnt für tierschutzwidrig erklärt. In Deutschland war daraufhin von Rot-Grün ein Batteriekäfighaltungsverbot ab Ende 2006 beschlossen worden. Unter Federführung des auf Frau Künast folgenden Bundeslandwirtschaftsministers Horst Seehofer wurde dies aber gekippt und das Verbot auf Anfang 2009 verschoben. Mit Ausnahmegenehmigungen, die praktisch alle Antragsteller erhielten, dürfen Legebatterien allerdings darüber hinaus sogar bis zum 1. Januar 2010 betrieben werden. Darüber freut man sich besonders in Niedersachsen, wo ein Drittel aller Legehennen in Deutschland gehalten werden - und vom zuständigen Landwirtschaftsminister Ehlen für Kleingruppenhaltungen sogar eine Sonderinterpretation der Vorschriften mit noch weniger Platz für die Hennen galt. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass die Käfigbarone in Deutschland und Europa sich immer wieder neue Verzögerungstaktiken und Strategien ausdenken, um weiter möglichst billig zu produzieren – koste es die Hennen, was es wolle (wir berichteten). Daher ist höchste Wachsamkeit und weitere Kampagnenarbeit dringend geboten.
Die Europäische Koalition für Nutztiere „ECFA“, ein Zusammenschluss von 24 europäischen Tierschutzorganisationen (unter ihnen PROVIEH – VgtM e.V.), führt in den einzelnen Mitgliedsstaaten der EU schon seit einigen Jahren eine europaweite Kampagne gegen die Käfighaltung durch. In Deutschland engagieren sich hierbei auch PROVIEH und die Albert-Schweitzer-Stiftung. Für den Umstieg auf den Verkauf bzw. Verbrauch von Eiern aus alternativen Haltungsformen (Boden- oder Freilandhaltung oder Bioeier) verleiht die ECFA das so genannte "Goldene Ei", in Deutschland bisher an Dr. Oetker, LIDL, einige Mensen deutscher Universitäten und den Landtag von Baden-Württemberg (mehr dazu hier).
Nach erfolgreichen Verhandlungen mit den großen Supermarktketten über die Auslistung von Käfigeiern steigt die Nachfrage nach Eiern aus alternativen Haltungsformen in Deutschland rapide. Zur Versorgung des deutschen Marktes müssen laut Animal Health Online immer mehr Eier aus benachbarten EU-Ländern eingeführt werden. Die Importe stiegen bis Mai dieses Jahres um fast 30 Prozent. Hauptlieferant sind mit inzwischen rund 40 Prozent der in Deutschland vermarkteten Eier aus Bodenhaltung die Niederlande. Dort listeten die Supermarktketten Käfigeier bereits vor Jahren aus und gaben so alternativen Haltungsformen auftrieb. Allerdings werden auch dort noch knapp die Hälfte aller Eier in Käfighaltung erzeugt – für den Export und die Lebensmittelindustrie. Deshalb wird nun die Lebensmittelindustrie von uns gefordert. Bei zahlreichen Produkten wie Nudeln, Teigwaren, Mayonnaisen etc. werden jährlich immer noch Millionen von Käfigeiern verarbeitet. Diese Waren landen aber ungekennzeichnet in den Ladenregalen – anders als frische Eier, die seit 2001 EU-weit je nach Herkunft gekennzeichnet werden müssen. Eine Wahl haben die Verbraucherinnen und Verbraucher deshalb bei verarbeiteten Produkten bisher nicht, das muss sich ändern.
Unter Federführung der Albert-Schweitzer-Stiftung engagieren wir uns deshalb weiter in einer gemeinsamen Kampagne für den kompletten Ausstieg aus Käfigeiern in Deutschland bei Frischeierverkauf und Verarbeitung sowie in der Erzeugung. Dies schließt die beschönigend genannte "Kleingruppenhaltung" ein, die nichts anderes ist als Tierquälerei in etwas größeren Käfigen. Derzeit ist eine Normenkontrollklage des Landes Rheinland-Pfalz gegen die Kleingruppenkäfige beim Bundesverfassungsgericht anhängig, die die SPD-Landesregierung unter Kurt Beck in 2006 einreichte.
Experten sind indes der Meinung, dass die Kleingruppen-Käfige nicht der neue deutsche Standard werden und stattdessen die Bodenhaltung das Rennen machen wird. In der Ausgabe vom 14. August 2009 der Lebensmittelzeitung wird ein Anteil der Käfighaltung von bald deutlich unter zehn Prozent für Deutschland prognostiziert. In 2008 lag der Anteil von Eiern aus alternativen Haltungsformen in Deutschland laut EU-Studie mit 39,6 % zwar über dem EU-Durchschnitt, aber immer noch weit hinter den Spitzenreitern Österreich (76,6 %), Schweden (57,0 %) und den Niederlanden (55,2 %). Im Durchschnitt sind in den meldenden EU-Ländern noch 67 % aller Legehennen in Käfigsystemen aufgestallt. In der tiergerechteren ökologischen Haltung lebten in Deutschland Ende 2008 erst 5,1 % aller Lebehennen. Es gibt also noch viel zu tun, PROVIEH und seine Partnerorganisationen packen es an!
Mehr zur Kampagne "Deutschland wird käfigfrei" hier.
Sabine Ohm, Europareferentin