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Der Milchmarkt entspannt sich - trotzdem bleibt die Lage für die Milchbauern bedrohlich

Am 16. Dezember 2009 veröffentlichte die hochrangige Expertengruppe der Kommission ihren ersten vierteljährlichen Bericht zur Lage auf dem Milchmarkt.

Unter dem Vorsitz des Generaldirektors der Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung der EU-Kommission, Jean-Luc Demary, arbeitet die seit dem „heißen Herbst“ 2009 eingesetzte Expertengruppe für den Milchmarkt an Empfehlungen für die mittel- und langfristige europäische Milchpolitik. Die Mitglieder der Gruppe tagen seit Oktober des vergangenen Jahres monatlich und sollen Quartalsberichte zur Lage auf dem Milchmarkt veröffentlichen.

Das Wasser steht nur noch bis zum Hals statt bis zur Nasenspitze

Der erste Bericht der Gruppe wurde während der Sitzung des Agrarrates vom 14.-16. Dezember 2009 veröffentlicht. Insgesamt habe sich die Situation auf dem Milchmarkt seit Juli letzten Jahres deutlich entspannt, so der Bericht. Die Produktion in den ersten neun Monaten des Jahres sei unter der des gleichen Vorjahreszeitraumes zurück geblieben. Gleichzeitig wurde in 2009 die Quote um ein Prozent im Vergleich zum Vorjahr angehoben. Die trotz angehobener Quote gesunkene Produktion sei wahrscheinlich die Folge der niedrigen Milchpreise im Frühjahr 2009, so die Einschätzung der Experten. Unterdessen zeige sich eine stabile Nachfrage nach frischen Erzeugnissen. Die Preise für Milcherzeugnisse hätten sich verbessert. Der aktuelle Milchpreis belaufe sich auf 26 bis 28 Cent pro Liter. Auch der Export hat laut Bericht stark angezogen. Die Milchpulverexporte seien zum Beispiel 16,7 % höher als im vorangegangenen Jahr.

Auch der Deutsche Bauernverband erwartet eine Entspannung auf dem Milchmarkt für das Jahr 2010. Aufgrund des Bevölkerungswachstums sowie steigender Einkommen und einer Angleichung der Ernährungsgewohnheiten in Schwellen- und Entwicklungsländern sei von einer steigenden Nachfrage auszugehen. Dennoch sei mit Preisschwankungen zu rechnen.

Ähnlich optimistische (Fehl-)Einschätzungen der Weltmarktentwicklungen hatten allerdings die scheidende Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel schon im Januar 2008 dazu verleitet, die jährliche Milchquotenausweitung um 2 % und deren völlige Abschaffung ab 2015 durchzuboxen (wir berichteten). Dass Milch und andere Lebensmittel nicht wie andere x-beliebige Waren auf offenen, freien Märkten erzeugt und gehandelt werden können, scheint in einige neoliberale Betonköpfe immer noch nicht hineinzugehen. Die Leidtragenden sind vor allem kleine und mittlere Milchbetriebe, deren Existenzkampf weitergeht.

Trotz leichter Entspannungstendenzen keine kostendeckenden Preise in Sicht

Mit dem angestiegenen Preis ist nämlich keine wirkliche Entspannung für die Milcherzeuger verbunden. Die derzeit ca. 27 Cent pro Liter können die Ausgaben der Bauern nicht decken, dafür wären mindestens 30 Cent nötig. Deshalb schrumpfen, trotz verbesserter Lage, die Einnahmen der Bauern.

Der Deutsche Bauernverband spricht von 3.665 Betriebsaufgaben im vergangenen Jahr. Damit ist die Zahl der Milchbetriebe um 3,7 % zurückgegangen. Die durchschnittlichen Erträge der Milcherzeuger im Wirtschaftsjahr 2008/2009 seien sogar um 45 % auf 29.300 Euro gefallen.

Auch der Vorsitzende des European Milk Board und des Bundesverbandes der Deutschen Milchviehhalter, Romuald Schaber, gibt keine Entwarnung für den Milchsektor. Im März seien sogar wieder sinkende Preise zu erwarten, warnt Schaber.

Um den Milchmarkt zu stützen, hatte die Europäische Union außerdem massenhaft Butter und Milchpulver aufgekauft und eingelagert. Diese Interventionsbestände sind im Jahr 2009 auf 83.000 Tonnen Butter und 282.000 Tonnen Milchpulver angewachsen. Da es sich bei diesen Interventionsmaßnahmen nur um befristete Schritte handelt, werden die Butterbestände in 2010 wieder abgebaut und auf den Markt geworfen. Dieser Abbau der Butterberge dürfte die Milchpreise erneut drücken.

Aufgrund all dieser Entwicklungen sieht Romuald Schaber deshalb die Milchbetriebe weiterhin in „existenzieller Gefahr“. Die Maßnahmen der Kommission und des Rates (wir berichteten) werden an dieser Entwicklung kaum etwas ändern. Stattdessen finden sich die Milchbauern auch im Jahr 2010 in einer bedrohlichen Situation wieder. Ob der designierte neue Agrarkommissar Dacian Cioloş oder der für Juni 2010 erwartete Abschlussbericht der Arbeitsgruppe für ein Umdenken in der europäischen Milchpolitik sorgen wird, bleibt fraglich. Doch die Entwicklung im Milchsektor wird Folgen für Tiere und Menschen im ländlichen Raum haben.

PROVIEH tritt deshalb für eine Wende zugunsten der Förderung ausschließlich nachhaltiger Milchbetriebe mit artgerechter Weidehaltung ein - gerade auch im Rahmen der bereits angelaufenen Debatten um die künftige Bedeutung und Gestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik ab 2013, in deren Verlauf die Würfel fallen werden: Entweder siegt der rücksichtslose Trend zu „größer, schneller, mehr“ (bzw. „wachse oder weiche!“) auf Kosten von Mensch und Tier, oder die europäischen Politiker besinnen sich auf das von den Verbrauchern gewünschte und den Umweltexperten empfohlene Modell mit umwelt- und tierfreundlich erzeugten Nahrungsmitteln. Dazu müssen wir alle aber lernen, wieder lokaler und saisongemäßer zu konsumieren, weniger Essen wegzuwerfen und auch unseren Verzehr von Fleisch- und Milcherzeugnissen zu senken.



20.01.2010 - Anne-Sabeth Beny und Sabine Ohm, Büro Brüssel



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